Teilprojekt 1: Umfeld

Das Teilprojekt 1 untersuchte die Justiz und ihr Umfeld aus einer historischen und einer politikwissenschaftlichen Perspektive.

Der historische Teil untersuchte hauptsächlich die von den obersten kantonalen Gerichten seit dem 19. Jahrhundert regelmässig erstellten Rechenschaftsberichte zuhanden des Parlaments. Dabei konzentrierte sich die Studie auf einzelne nach spezifischen Überlegungen ausgesuchte Kantone und betrachtete die Rechenschaftsberichte als jenen Ort, an dem sich die Wissensproduktion über das Gerichtswesen vollzog. Ziel war es, das hier produzierte Wissen zu analysieren sowie dessen prägenden Einfluss auf die Justiz aufzudecken. Ebenso wurden die in den Rechenschaftsberichten verhandelten Probleme und die sich manifestierenden Konfliktfelder und Deutungskämpfe nachgezeichnet und vor dem Hintergrund der kantonalen Gerichtsorganisation untersucht.

Ausgewertet wurden die Quellen mittels eines diskursanalytischen Ansatzes Foucault’scher Prägung. Dabei stand die Betonung der strukturalen Perspektive im Vordergrund, was bedeutet, hypothetisch wurde unterstellt, dass die in den Quellen dokumentierten, singulär verstreuten Äusserungen einer Regel oder Struktur unterliegen und daher einen Diskurs bilden. Diesen Strukturierungszusammenhang galt es sowohl empirisch zu belegen und zu beschreiben als auch Wechselbezüge zwischen den mit diesem Diskurs verknüpften Praktiken aufzuzeigen. Zum diskursanalytischen Ansatz kam eine damit eng verbundene medienanalytische Dimension hinzu. Zentraler Gedanke dabei war, dass Logik und Konzeption der Rechenschaftsberichte die Wissensproduktion über die Justiz entscheidend mitformten. Diese Berichte stellten in ihrer spezifischen Eigenart Bedingungen des Aussagens dar, welche bereits im Voraus die Wissensproduktion massgeblich beeinflussten. Sie fungierten also gleichsam als Filter, der Wissen selektierte, hervorhob, unterdrückte, veränderte und mithalf, es mit anderen Wissensbeständen zu verbinden.

Im politikwissenschaftlichen Teil rückte die heutige Wahrnehmung der Justiz in den Vordergrund. Dabei wurden erstmals in einer Bevölkerungsbefragung (bei 3‘400 Personen) Informationen über das Vertrauen in die kantonalen Gerichte erhoben und untersucht, was die Ursachen für Unterschiede im Vertrauen sind. Insbesondere wurde der Frage nachgegangen, inwiefern sich Vertrauen auf institutionelle Faktoren zurückführen lässt. Eine Herleitung von über 20 Forschungshypothesen erfolgte ausgehend von institutionalistischen sowie kulturalistischen Ansätzen.

Die Resultate der Befragung zeigten, dass das Vertrauen in die kantonalen Gerichte grundsätzlich hoch ist. Jedoch liessen sich klare Unterschiede zwischen den Kantonen feststellen. Mittels Berechnung von Mehrebenen-Modellen konnte nachgewiesen werden, dass von den möglichen Erklärungsfaktoren zur institutionellen Ausgestaltung der kantonalen Justiz (institutionelles Design auf der Makro-Ebene) lediglich die Variable „Richterwahlen durch das Volk“ einen positiver Effekt auf die Beurteilung der politischen Unabhängigkeit der Gerichte hat. Als signifikante Erklärungsfaktoren für das Vertrauen haben sich der Informationsstand über die Gerichte, eine negative Berichterstattung der Medien über die kantonale Justiz, persönliche Erfahrungen mit einem Gericht sowie der Bildungsstand erwiesen. Im Rahmen des politikwissenschaftlichen Teils des Projektes wurden Schlussfolgerungen für Justiz und Politik gezogen. Hierzu gehören der Bedarf nach einer aktiven Informationsarbeit sowie einer professionellen Medienarbeit und Krisenkommunikation der Gerichte und ein Bemühen um Aufrechterhaltung der hohen Zufriedenheit von Personen mit Gerichtskontakten.